Glosse & Posse, Reisen
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Reisegedanken

Wann immer ich mich in einem Fortbewegungsmittel befinde und einfach aus dem Fenster schaue, mich meinen Gedanken so frei hingebe, jawohl, dann habe ich die besten Ideen und die größte Lust zum Schreiben. Aber genau dann fehlt mir mein Computer und danach fehlen mir die Gedanken und die Zeit. Aber auch wenn ich noch immer nicht über meine kulinarischen Erlebnisse im Detail berichten kann, weil es wirklich einfach zu viele sind, möchte ich einen Reisegedanken heute mich euch teilen. Die Fotos sind jedoch ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird 😉

Senior und Junior Takano im japanischen Restaurant Suzuram in Manaus philosophieren über die Verwendung von Amazonasfisch

Senior und Junior Takano im japanischen Restaurant Suzuram in Manaus philosophieren über die Verwendung von Amazonasfisch und machen mir große Freude mit Amazonas Maki

Ich frage mich das natürlich nicht erst seit jetzt, aber in Brasilien doch wieder verstärkt, weil man hier Langzeitreisenden sehr häufig über den Weg läuft. Mit sechs Wochen Reisezeit wird man eher bemitleidenswert und von oben herab betrachtet. Sechs Monate, ein Jahr – jawohl, das sind die „ernstzunehmenden“ Reisenden, die sich dem völligen Reisekonsum und dem pauschalierten Individualtourismus hingeben.

Janaina Rueda kocht in ihrer Wohnung im Edificio Copan für mich

Janaina Rueda kocht in ihrer Wohnung im Edificio Copan ein deftiges Gericht für mich

Ich kenne nicht das Reiseverhalten meiner werten Leser/innen, aber ich bin bis zu zwei Monate am Stück gereist und habe dabei für mich eine ganz wesentliche Erfahrung gemacht: auch beim Reisen gibt es einen Grenznutzen. Denn irgendwann will man keine Tempel mehr sehen und man wird auch der Fragen „Where are you from?“ „Where have you been before?“ überdrüssig.

Claudia Visoni gräbt in ihrem City Garden in Sao Paulo

Claudia Visoni gräbt in ihrem City Garden in Sao Paulo

Daher empfinde ich oft großes Mitleid mit diesen Langzeitreisenden, die von Außen für ihre Konsum- und Risikobereitschaft bewundert werden möchten. „Boooaah, dir geht’s gut!“ „Boaaah, du bist aber mutig!“

Dagoberto Torres kocht mich mit seinem Ceviche im Suri in Sao Paulo ein

Dagoberto Torres kocht mich mit seinem Ceviche im Suri in Sao Paulo ein

Aber soll ich euch etwas verraten? Irgendwann ist der schönste Strand nicht mehr schön, sondern nur noch ein Abgleich von dem, was man bereits vorher gesehen hat. Mathematisch gesprochen, würde man eine Langzeitreise als eine Abhandlung von Abweichungen nennen „Na, eh, ein super Strand. Keine Frage, aber in XY war es halt doch um eine Spur besser, weil da ….“

Ich frage mich daher, was ist wirklich der Sinn dieses Langzeit-Konsum-Reisens?

Mich macht es ja fast aggressiv. Ich sage „fast“, aber eigentlich ist es eine Lüge, denn es macht mich aggressiv (oder es hat mich gerade aggressiv gemacht), weil ein Großteil dieser Reisenden sich immer auf einer Touristeninsel befinden und kaum normalen Kontakt mit Einheimischen haben. Sie hängen sinnlos in Jugendherbergen ab, füttern Facebook mit Neuigkeiten für mehr Bewunderung und der Konsum der Länder und der Sehenswürdigkeiten steht im Vordergrund.

Mara Salles erklärt mir die Welt des brasilianischen Chilis

Mara Salles erklärt mir in ihrem Restaurant Tordeshilas (Sao Paulo) die Welt des brasilianischen Chilis und mehr

Zugegeben, ich tue mir wirklich ganz schwer mit Leuten in Südamerika zu sprechen, die sich länger als 2 Monate hier aufhalten und es nicht schaffen, in Anfängen die Sprache zu lernen. Natürlich kann man nicht jede Sprache lernen, aber Spanisch und selbst Portugiesisch kann man sich relativ rasch ansatzweise aneignen.

Völlige Freiheit und Selbsverwirklichung? Ist das eine Motivation, um in ausgelatschten Touristentrails zu wandern?

zwischendurch koche ich auch mal selber in der Receiteria in Sao Paulo

zwischendurch koche ich auch mal selber ein paar brasilianische Rezepte in der Receiteria in Sao Paulo

Für alle, die sich noch nie getraut haben, eine Individualreise zu machen und darin die absolute Selbstverwirklichung sehen, möchte ich auch was verraten: Individualreisen bedeuten Arbeit, aber weniger Risiko als eine Pauschalreise, da man jede Entscheidung selbst in der Hand hat.

Individualreisen in Zeiten von Internet, Reiseführern und Buchungsplattformen sind absolut keine Hexerei, wenn man bereit ist, auch im Urlaub Entscheidungen zu treffen.

Rodrigo Oliveira vom Mocotó versucht eine Cashew-Nuss zu öffnen

Rodrigo Oliveira vom Mocotó versucht eine Cashew-Nuss zu öffnen

Was ist der Sinn also? Kalkulierbare Abenteuerlust? 

Für Unterstützung bei der Antwortsuche wäre ich dankbar, damit ich den nächsten Langzeitreisenden, denen ich begegne mit mehr Gelassenheit entgegentreten kann. 😉

Jefferson Rueda erklärt mir inder Küche im Attimo (Sao Paulo) seine Liebe zum Schwein

Jefferson Rueda erklärt mir in der Küche im Attimo (Sao Paulo) seine Liebe zum Schwein

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8 Kommentare

  1. Ich hab mir in Asien oft gedacht, diese Langzeitreisenden haben Angst vor dem Zurückkommen. Ein bisserl: die Reise als Flucht vor dem richtigen Leben mit echten Beziehungen, Jobsuche und Studienabschluss…

    • ja, das kann auch ein Grund sein. bei einem Kontakt gleich am Anfang in Rio war es sicherlich eine Flucht auch vorm ICH. Die Nicht-Konfrontation mit den wirklichen Herausforderungen/Problemen im Leben und andere Reisende zur Psychohygiene verwenden…

  2. Warum brauchst du unsere Antowrten um zu deiner Gelassenheit im Umgang mit diese Spezies Langzeitreisende zu finden? Was hindert dich jetzt daran, es gelassen anzugehen und einfach deine Erfahrung zu geniessen?

    Warum hast du Mitleid mit jemanden, der sich ja hoffentlich aus freien Stücken zu seiner Reise und Stil entschieden hat?

    Auch beim, für dich sinnlosen, Abhängen in der Jugenherberge lassen sich vielleicht mal durch Zufall Erfahrungen und „erleuchtende“ Begegnunen erleben? EIn einziger Satz im richtigen Moment von der richtigen Person kann ganz unschuldig Richtungen im Leben ändern….

    Ich hab auf meinen Reisen auch schon so manchen Langzeitreisenden getroffen und fast alle davon, die schon länger als 6-8 Monate unterwegs waren, haben sich wieder auf einen längeren Aufenthalt „zu Hause“ gefreut, also auf das zurück kommen.

    Selbst kann ich ja leider von keinen Langzeitreisen berichten, lediglich von Langzeitauslandsaufenthalten über mehrere Monate. Und selbst bei einem Aufenthalt über 5 Monate hab ich nicht mehr als ein paar hilflose Brocken der lokalen Sprache gelernt. Pfui? Nein, gab bloss keinen tieferen Grund, da alle „Beteiligten“ mit Englisch und Hand und Fuss eine wunderbare Kommunikation zu stande gebracht haben. Aus Respekt für die locals mit meinen paar Floskeln gewürzt und die Kommunikation läuft.

    Und um eine Übersättigung an Strand oder mehr von demselben zu erreichen brauchst du meiner Meinung gar nicht zum Langzeitreisenden werden, da reicht schon regelmässiges Reisen und der Verlust an Neugier und Entdeckersinn……

    • Danke f diese lange Rede pro Reisen! Die Fragen haben ich genau dafür gestellt 😉 mir sind diese klaassischen Gringo-Trail-Traveler meistens ohnehin zu langweilig und bevorzuge ein gutes Buch.
      Ich habe ein Problem mit der Passivität, mit der Reisende nach Glückseeligkeit suchen und brav bei der für sie erdachten Touristenindustrie mitspielen. Einfach immer brav konsumieren… um interessante Gespräche zu führen, muss ich mich ja nicht auf Reisen begeben. Ein paar Stunden Coaching oder Therapie würden bei einigen wahrscheinlich auch schon helfen. 😉
      Warum bist du 2013 raus aus der Komfortzone?

      • Das klingt für mich immer noch sehr einseitig, „the one sided story“ bei der man die „armen Schweine“ (passive Langzeitreisende) „retten“ müsste???

        Wie würde für dich eine Welt voll mit Individualreisenden aussehen?

        Und die interessanten Gespräche – ich hoffe ja sehr, die finden grossteils ausserhalb von Therapie und Coaching statt;-) Oder meinst du, all diese passiven Langzeitreisenden sollten vielleicht zurerst mal eine Therapie und Coaching machen…..

        Warum geht „man“ denn dann überhaupt auf Reisen – mit all den negativen Nebeneffekten?
        Was ist deine Motivation for diese Reise?

        Mein „raus aus der komfortzone“ hat im Kern nix mit Reisen zu tun, war und ist ein Ausbruch aus den starren, sicherheit vorgaukelnden, corporate Strukturen und ein Aufbruch zu neuen Ideen und Welten in privater und beruflicher Risikohinsicht. Das es mich dabei nach Indien und Kenia verschlagen hat – beides Zufälle der spannenden Sorte.
        Und ich find´s inzwischen sehr nett, hier „draussen“ 🙂
        .

  3. sigfrid, ich mache ja zum glück keine „gringo-trail-langzeitreise“ sondern bin zu recherchezwecken unterwegs, habe ständig termine und spreche bei nur 6 wochen sogar die sprache 😉

    ja, ist natürlich auch meine meinung und die wird sich auch bleiben, wenn du anderer meinung bist. 😉

  4. Schade, dass manche Langzeitreisende nicht etwas Weite und Offenheit in ihren Umgang mit anderen Menschen gewinnen. So bleibt das Erlebte nur an der Oberfläche haften und wird nicht ins weitere Leben integriert. So wird jede Reise zum vergleichenden Wettbewerb und nicht zur Selbsterfahrung.

  5. querdenken sagt

    Das entspricht genau meiner Erfahrung in den letzten 4 Monaten! Daher habe ich mich entschieden, nicht 5 Monate durch zu reisen, sondern an den Orten zu „leben“ und dazwischen wochenweise zu reisen. Ich habe viele Locals kennen gelernt, mich in deren Sprache mit ihnen unterhalten und hatte bei meinen Trips, besonders in den sehr touristischen Gebieten, jedes Mal fast einen Kulturschock. So viele, zum Teil einfach arrogante und intolerante Menschen, die sich rühmen Langzeitreisende zu sein – klappern die Highlights des Lonely Planet ab, verstehen nicht mal die einfachsten Ausdrücke in der Landessprache und hängen wiederum nur mit Reisenden herum… aber du hast das aus meiner Sicht ausgezeichnet auf den Punkt gebracht. Danke dafür! 🙂

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